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9. Systemisches Kaffeehaus in Linz

Die neue Figur der Psychotherapeut*in und einige Gegenentwürfe als Hilfe zur Selbstwahrnehmung

Die Figur der Psychotherapeut*in hat sich drastisch verändert und das mit großer Geschwindigkeit. Das soll wahrgenommen werden.

Die Alternativen sind zunächst gar nicht als Kritik gemeint und auch nicht als Vorschlag für eine andere therapeutische Tätigkeit, sondern sie dienen als Kontrastwahrnehmung eines Phänomens, das durch eine hohe Anpassungsgeschwindigkeit dazu tendiert, in neuer Selbstverständlichkeit zu verschwinden. Das Selbstverständliche bedarf als Komplexitätsreduktion der Auslassung. Aber das Ausgelassene kehrt anderswo (z. B. als Sehnsucht oder auch als Beschwernis) wieder und muss neu identifiziert werden. Dem soll hier nachgegangen werden, also dem Preis, den die Psychotherapie (ihre Akteur*innen, also Therapeut*innen und Klient*innen, und ihre weiteren Nutznießer*innen, die „Gesellschaft“) für ihre erfolgreiche Etablierung entrichtet.

Drei Punkte können hier genannt werden.

Zur gesellschaftlichen Funktion zuerst: Hier kann ein Weg vom Rand zur Mitte festgestellt werden (also erfolgreiche Etablierung), aber auch von der Phantasie zur Professionalität (mit dem Preis der Einengung und Fremdbestimmtheit, die sogenannte Wissenschaftlichkeit etc. notwendigerweise in sich trägt). Die Psychotherapeut*in ist dabei von einer Position „gegenüber der Medizin“ ganz „an ihre Seite“ geeilt.

Zweitens, was das Verhältnis zur Klient*in betrifft: Die Klient*in wird wieder mehr vom Gegenüber zum Objekt der Begegnung, schon weil er/sie häufig, oft bereits vor dem ersten Kontakt, einer Diagnose im Sinne der Psychopathologie unterworfen ist. Auch in der Aus- und Weiterbildung zeigt sich dies und wird hier allgemein als Qualitätsverbesserung verstanden („Spezialwissen“, „Problemverständnis“ etc.).

Und drittens natürlich die Eigenwahrnehmung und ihre reflexiven Möglichkeiten: War noch vor einigen Jahren die gefühlte eigene Stimmigkeit ein wichtiger Parameter („Fühlt sich das richtig an?“), also die Innensicht für die Passung von Beziehungsgestaltung, wird nun die Außensicht immer wichtiger („Mache ich das korrekt?“).

Was könnten alternative Entwürfe sein, die die Wahrnehmung für das Ausgelassene schärfen?

Drei Schlagworte: die Schaman*in/Priester*in, die Freund*in, die Philosoph*in.

All das sind Psychotherapeut*innen nicht, aber sie nehmen gesellschaftlich/historisch gesehen derartige Positionen als „Ersatz“ ein. Ein Blick auf diese Nachfolge und ihre Variation ermöglicht uns, die oben erwähnte Veränderung ins Selbstverständliche anhand von verschieden verhandelten Gegenentwürfen zu verstehen. Natürlich ist die Therapeut*in keine Priester*in und keine Freund*in, aber vielleicht ist er/sie es so wenig wie noch nie und hat die hier zugrunde liegende Sehnsucht und Notwendigkeit gänzlich anderen überlassen, z. B. der Esoterik etc.

Denn jene 3 Positionen skizzieren ja Antworten: die der Priester*in/Schaman*in auf alles, was wir nicht beantworten können (und er/sie stellt dann mit dem Einsatz der eigenen Existenz eine Verbindung zu jener Welt her, die wir sonst nicht betreten können), die der Philosoph*in als eine Einordnung ins Allgemeine (die damit gleichzeitig eine immer neue und unermüdliche Suche diesbezüglich verspricht) und die der Freund*in als ein „Treusein“, wenn Hoffnung (noch) nicht gefunden ist (und die wir uns als unbedingt herbeiwünschen). All das bezeichnet weniger die tatsächlichen Handlungen, aber umso deutliche die Bedürfnisse, die auf diese Figuren gerichtet sind und die nach wie vor und eben in neuen Kontexten aktuell erscheinen.

Überlassen wir das zunehmend anderen, haben wir diese Bedarfsdeckung (z. B. vermittels Diagnostik) begrifflich zum Verschwinden gebracht?

Zudem, alle diese Positionen haben ihren Preis, werden durch ein Opfer errungen: bei der Priester*in beispielsweise durch soziale Distanz etc. Ist das in unserer modernen, „professionellen“ Zeit obsolet oder bloß in diskreter Selbstverständlichkeit unsichtbar geworden?

Darüber sollte geredet werden…


Helmut de Waal
Die neue Figur der Psychotherapeut*in und einige Gegenentwürfe als Hilfe zur Selbstwahrnehmung

Christian Zniva
Leuchttürme hinter Nebelschwaden – Orientierungen für Psychotherapeut*innen in Zeiten des Wandels einer Profession

Denise Rigaud
Psychotherapie an der Seite der Medizin – und was ist ihr Gegenüber?

Brigitte Lassnig
Quo Vadis Systemische Psychotherapie? Resümee und Ausblick


Ort: Bischöfliches Priesterseminar, Harrachstraße 7, 4020 Linz

Termin: Mittwoch, 1. März 2023, von 9 – 16 Uhr

Teilnahmegebühr: € 45,- / € 25,- (Ermäßigung für Student*innen und Auszubildende der Fachspezifika und Propädeutika)
Rechnung wird per email zugeschickt.

Um Anmeldung wird ersucht: office@la-sf.at

Weitere Termine

Datum

1. März 2023

Uhrzeit

9:00 - 16:00

Veranstaltungsort

Bischöfliches Priesterseminar
4020 Linz, Harrachstraße 7

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