55. Systemisches Kaffeehaus Wien – Empathie und Fremdverstehen
Unerhörte Erfahrungen
Empathie und Fremdverstehen: Blicken wir durch eine getrübte Linse auf ein unverzichtbares Element psychotherapeutischer Gespräche?
„Die kollektive soziale Imagination enthält unweigerlich allerlei Stereotype, und das ist das soziale Klima, in dem die Zuhörer:innen ihren Gesprächspartner:innen gegenübertreten. Kein Wunder also, dass mitunter die vorurteilsbehafteten Aspekte der sozialen Vorstellungskraft unsere Glaubwürdigkeitsurteile beeinflussen, ohne dass wir dem zustimmen.“ (Miranda Fricker/Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens)
Durchs Reden – so sagt man sprichwörtlich – kommen die Leute zusammen. Das ist nicht unrichtig, wenn dazugesagt wird: Durchs Reden kommen sie auch auseinander, schließen einander und das, was gesagt werden könnte, nicht nur ein, sondern auch aus. Denn wer zusammenkommt muss nicht notwendigerweise zu Wort kommen. Wer gehört wird, was überhört wird und von wem, vollzieht sich im Gespräch zu einem überwiegenden Teil buchstäblich in „stillschweigend“ miteinander vollzogenen Prozessen und widersetzt sich bewussten Überzeugungen und besten Absichten, ein Gesprächsklima zu schaffen, in dem „mit allen und über alles“ vorurteilsfrei gesprochen werden kann.
Das gesellschaftlich-soziale Klima, in dem Psychotherapie stattfindet, bleibt nicht ohne Einfluss auf das Gesprächsklima, das im Praxisraum zwischen Klient:in und Psychotherapeut:in mitbe-stimmt, worüber gesprochen werden kann und was un-erhört bleibt: „Silencing and being silenced“. Als Psychotherapeut:innen partizipieren wir am „sozialen Klima“ und sind nicht immun gegen ein wortlos reproduziertes kollektives Gedächtnis, das ebenso „vergesslich“ ist wie wir selbst und das deshalb immer wieder erinnert werden muss: Nicht alle, gehören zu „meinem Kollektiv“, von dem ich stillschweigend ausgehe.
Zu viert wollen wir uns mit Ihnen in diesem Systemischen Kaffeehaus Fragen zur Empathie stellen: Wir fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen, sich selbst und andere – „das Fremde“ – zu verstehen. Wir werden dabei diesem so einflussreichen psychotherapeutischen Gesprächselement kritisch-neugierig gegenübertreten und erkunden, inwieweit dieser Begriff „Empathie“ nicht bereits selbst durch Vor-Urteile über das Eigene und das Fremde verschliffen ist, sodass wir nur wie durch eine getrübte Linse auf das Gesprächsklima in der psychotherapeutischen Praxis blicken: Was entgeht uns dabei? Was sehen und hören wir dadurch nicht? Was wird „gesilenced“? Und natürlich: Gibt es Alternativen, falls das der Fall ist?
„Um andere Personen zu verstehen, muss ich also nicht in ihren Geist eindringen, sondern auf die Welt achten, die ich bereits mit ihnen teile.“ (Shaun Gallgher/Dan Zahavi: Bewusstsein und Welt)
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Dieses Systemische Kaffeehaus fragt nach implizit in Interaktionen hervorgebrachten Zugehörigkeitsordnungen, die gesellschaftliche Stereotype unbeabsichtigt reproduzieren („Membership categorization“).
Wer gehört wird, was überhört wird und welche Erfahrungen im therapeutischen Raum unerhört bleiben, wird wesentlich von diesen Kategorisierungen mitbestimmt („Category-bound activities“).
Empathie untersuchen wir als unverzichtbares, aber kritisch zu reflektierendes Gesprächselement.
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Programm
Begrüßung und Einführung: Glaubwürdigkeitserwartungen
Evelyn Niel-Dolzer
„How the stuff of social life comes to be as it is“
Džemal Šibljaković
Unerhört empathisch
Zekiye Sentepe
„Dass das Gewalt ist, weiß ich erst jetzt“
Lucas Kiesenhofer
Zumutung als Begegnung – Begegnung als Zumutung
Wir sprechen in diesem Kaffeehaus wie immer die Zielgruppe der Psychotherapeut:innen an, laden aber diesmal besonders herzlich auch Kolleg:innen aus anderen Berufsgruppen ein, die ihre Stimme im Diskurs über gesellschaftliche Diversität und Diversitätskompetenz für eine „soziale Klimaerwärmung“ hörbar machen. Möglicherweise – das wäre wünschenswert – initiiert unsere Veranstaltung eine Fortsetzung und weitere „Kaffeehausgespräche“ mit bisher noch ungehörten Stimmen …

