Überschrift aus dem Folder zum 42. Systemischen Kaffeehaus im Dezember 2019

Das 42. Systemische Kaffeehaus

Warum (k)ein schlechtes Gewissen haben?

Dass wir auch persönlich Teil der ökologischen Katastrophe sind, die uns endlich immer mehr beschäftigt, ist offensichtlich (das simple Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“ macht’s plausibel), und dass alle Lösungsversuche bislang  bloß „mehr desselben“ bedeuten (zum Beispiel der sog. Energiewandel oder Elektroautos), ist ebenfalls bekannt. Harald Welzer, Hartmut Rosa u. a. haben darauf verwiesen, dass das auch mit jenem Wirtschaftssystem zusammenhängt, das Produktionswachstum und vermehrten Austausch als zentrales Erfolgsprinzip verkörpert und nebenbei auch globale Ungerechtigkeit zur Folge hat und das wir anderseits – seit 1989 ohne Frage – als Garantie für Demokratie und Menschlichkeit ansehen. Eine aussichtslose Steigerung und ein fataler Zusammenhang. Wie darauf als Einzelmensch und Gemeinschaft reagieren?

Naive Ignoranz („Ich kann es nicht ändern, aber ich tue mein Bestes.“) oder Nihilismus („Treffen sich zwei Planeten: „Mist, ich hab Homo Sapiens!“ „Nicht schlimm, das vergeht von selbst.“) sind kindische Reaktionen, von Leugnung (Trump) gar nicht zu reden. Welche „Landkarte“ kann hier passen und verantwortungsvoll Hoffnung geben?

Die Situation erinnert an das alte theologische Konzept der Erbsünde: Ich bin Teil von etwas, an dem ich nicht ursächlich und schon gar nicht absichtsvoll mitgewirkt habe. Indem ich täglich ohne Arg mein Leben lebe, mehre ich meine Mitschuld. Das ist eine nüchterne Beschreibung unserer Situation. Hier ist kein Ausgleich, keine Entschuldung möglich.

Verhaltensvorschläge, die sich daraus ergeben, wären zuerst eine Einmahnung der Betroffenheit auf der Erlebnisebene, ein traditionell „schlechtes Gewissen“ also, und daraus sollte jedenfalls Unterlassung (Verzicht und Bescheidenheit als neue Landkarte) als adäquate Reaktion erfolgen. Wenn das nicht gewollt oder möglich ist oder noch nicht erfolgreich, müsste „schlechtes Gewissen“ bleiben und weitere Suchprozesse veranlassen.

Jene liegen noch im Unbekannten und hätten zunächst noch wenig Erfolgschancen, wenn wir aufrichtig sind. Was kann hier Hoffnung geben? Welche Kontexte für ein „Sisyphusunternehmen“, das Albert Camus gerecht wird, also Weiterleben als anständig rechtfertigt und damit zu Trost und Zuversicht beiträgt, können hier hergestellt oder zumindest ersehnt werden?

Hier kann noch einmal die Kompetenz der Psychotherapie – nicht als Lösungs- und Interventionsgenerator, sondern mit ihrer mitmenschlichen Erfahrung im Beistand und der Treue in aussichtslosen Situationen – ins Spiel gebracht werden. Sie muss sich allerdings die Mühe der Übersetzung (von persönlichen in globale Zusammenhänge und umgekehrt) machen, dann kann sich Betroffenheit in Verantwortung wandeln.

Darum sich einen Tag zu mühen, wäre hier die Absicht und die Einladung.

Helmut de Waal

 

Programm: 

9.00–9.15      Begrüßung

9.15–10.45    Helmut de Waal:
Warum (k)ein schlechtes Gewissen haben?

10.45–11.00  Pause

11.00–12.30  Monika Prettenthaler:
Gewissen – grandioses Konstrukt mit Nebenwirkungen. Ein systemischer Versuch über ausgewählte philosophische und theologische Gewissenslandschaften.

12.30–14.00  Mittagspause

14.00–15.00  Werner Lausecker, Evelyn Niel-Dolzer:
(Sich) verdanken, Dankesschuld und Schuldgefühle. Über Herkunft, historisches Gewordensein und Abwehr.

15.00–15.15  Pause

15.15–16.15  Florian Koschitz, Evelyn Niel-Dolzer:
‚Von sich selbst ausgehen‘: eine ‚intervitale Begegnung‘ zu Scham, Schuld und Gewissen.

16.15–17.00  Kollegialer Austausch

 

Referent*innen:

Dr. Helmut de Waal
Klinischer Psychologe, Psychotherapeut (SF) in freier Praxis in Steyr, Supervisor, Lehrtherapeut an der la:sf

Mag.a Dr.in Monika Prettenthaler
Theologin, Ethik- und Religionsdidaktikerin an der Universität Graz, AHS-Lehrerin und Psychotherapeutin (SF) in freier Praxis

Mag. Werner Lausecker
Historiker und Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision (SF); Mitarbeiter der Persönlichen Betreuung beim Verein LOK – Leben ohne Krankenhaus in Wien

Mag.a Evelyn Niel-Dolzer, MA
Psychologin, Psychotherapeutin (SF), Supervisorin und 
Lehrtherapeutin an der la:sf

Mag. (FH) Florian Koschitz
Psychotherapeut (SF) in freier Praxis, Wirtschaftswissenschafter, Unternehmensberater

 

Teilnahmegebühr: € 45,- / € 25,- (ermäßigt für Student*innen und Auszubildende der Fachspezifika und Propädeutika)

Bezahlung bar vor Beginn der Veranstaltung.

Wir bitten um schriftliche Anmeldung unter: office@la-sf.at

Der Veranstaltungsfolder zum Herunterladen (.pdf).

Datum

5. Dezember 2019

Uhrzeit

9:00 - 17:00

Preis

€ 45,- / € 25,- (ermäßigt für Student*innen und Auszubildende der Fachspezifika und Propädeutika)

Ort

la:sf
Trauttmansdorffgasse 3A, 1130 Wien
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