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43. Systemisches Kaffeehaus Wien

Über das Weglassen – Ernst und Freude des Verzichts

Seit ich mich erinnern kann wird alles mehr. Zuerst die Menschen und dann die Dinge, zumindest Letzteres ist die Folge eines Wirtschaftssystems, das unter allen Umständen auf Wachstum ausgelegt ist, und – im Gegensatz zur Natur – deren Antagonistin, nämlich die Vergänglichkeit, nicht kennen will. Das wiederum ist eine Folge des zugrundeliegenden Pyramidenspiels „Geldsystem“, das im Wesentlichen darin besteht, Anleihen an der Zukunft zu nehmen. Das heißt: zurückzahlen wird „irgendwer“, den wir (noch) nicht kennen. Aber einen kaputten Planeten wird man nicht zurückzahlen können. Natur folgt nicht den Regeln der Bankwirtschaft.

Das Mehren ist dabei nicht einfach additiv, sondern muss qualitativ bewältigt werden, auch wenn man das, v.a. wegen des Tempos, mit dem das geschieht, gar nicht mehr bemerkt (H. Rosa). Häuser z.B. werden nicht nur voluminöser, sie beinhalten auch mehr, das dann nicht mehr öffentlich verhandelt werden muss und kann. Das Gasthaus, das Freibad, die Sauna, der Dorftratsch: alles Bedürfnismöglichkeiten, die durch das Eigenheim innenliegend selbst erledigt werden und als kommunale Einrichtungen verschwinden. Der Benützer braucht sich nun nicht mehr zu fragen, was er will und v.a. ob er will. Das ist ihm immer mehr abgenommen: „smart home“ heißt dieser Fortschritt, ein Cyborg, der die Maschine Haus (LeCorbusier) mit seinem Einwohner kombiniert.

Wie dem entkommen? Was hieße also Verzicht?

Bloß „nicht mitmachen“ und „weniger“, reicht nicht. Zuerst müssen die Bedürfnisse, die am Anfang der „Befriedigungsproduktion“ gestanden haben, wieder sichtbar werden. Aus ökologischen Gründen sowieso, aber auch, um die Freiheit, die uns die permanente Teilnahme an dieser Produktion gekostet hat, wieder zurück zu gewinnen, und auch die Energie, die sie uns permanent, unbarmherzig und diskret abfordert (H. Rosa).

Verzicht lohnt sich also, hat aber seinen Preis. Wenn der Verzicht nicht eine aussichtslose, bloß moralische Pflichtübung bleiben soll, sondern eine wirkliche Bereicherung (!), die sich selbstbestätigend lohnt, dann wird man diese Zusammenhänge reflektieren müssen: weil sie selbstverständlich und automatisch in unseren Alltag eingeschrieben sind, und dann Gegenentwürfe von Bedarfsdeckung finden, die von Genauigkeit, Schönheit und Nachhaltigkeit geprägt sind. Man kann das – systemisch anschlussfähig – Effizienz, Respekt und Ästhetik nennen, aus denen Handlungsentwürfe folgen, die einen positiv spürbaren Unterschied, der machbar (klein genug), sinnvoll ist (tatsächlich anders) und sich verselbstständigen kann (passend), ermöglichen. Das systemische Repertoire kann hier eine Hilfe für das Weglassen des Mühsamen und Überflüssigen, sowohl im Alltag wie in der Therapie selbst, darstellen.

Dazu gehört natürlich auch ein unvermeidlich leiblicher Aspekt des Verzichts, ein Abschiednehmen. Denn wir sind den Dingen auch verbunden, wir verleiben sie uns ein. Wir verzichten dann nicht auf Dinge, sondern auf Möglichkeiten, denen wir passiv und aktiv, absichtsvoll und unabsichtlich, verbunden sind.

Das könnte an diesem Tag phantasievoll, engagiert und im Zusammenhang mit Lebenspraxis versucht werden.

Helmut de Waal

Hier das Programm zum Herunterladen (.pdf).

Anmeldung per email erforderlich bei office@la-sf.at.
HINWEIS: Aufgrund der aktuellen Corona-Situation ist die Teilnahme ausschließlich via Zoom möglich! Der link zur Veranstaltung wird gemailt.

Datum

2. Dezember 2020

Uhrzeit

9:00 - 17:00

Preis

€ 45,- / € 25,- (ermäßigt für Student*innen und Auszubildende der Fachspezifika und Propädeutika)

Information

Anmeldung

Ort

la:sf
Trauttmansdorffgasse 3A, 1130 Wien
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